Ingenieurbüro Jaster
Naturtechnik
Rückegeräte und Rückeverfahren
Das Holzrücken ist neben der Frage nach den zur Verfügung stehenden Geräten stets auch eine des Geländes und der Dimension der einzelnen Stämme (Stückmasse), die man bringen möchte. Dementsprechend wird von Starkholz oder Schwachholz gesprochen.

Waldarbeiter
Es liegt auf der Hand, daß man in früheren Zeiten, als es ja die großen Maschinen noch nicht gab, sozusagen notgedrungen stärker Rücksicht auf die Naturgegebenheiten nehmen mußte, woraus sich regional sehr verschiedene und auch einfallsreiche Methoden entwickelten. Im Gebirge wurde viel von Hand gearbeitet und selbstverständlich bergab gezogen. Den Schnee nutzte man, und, wo immer es möglich war, auch das Wasser, die sogenannte Trift. Es gibt noch Fotos auf denen ganze Täler mit Blochholz (Stammabschnitten) gefüllt sind, die man im Frühjahr mit Hilfe von Wasser aus geöffneten kleinen Schleusen weitertransportierte. Rutschbahnen, wie sie früher aus Holz konstruiert eingesetzt wurden, findet man sogar noch heute, wenn auch aus Plastik, in einschlägigen Katalogen, wie auch die Sappie, ein schnabelähnlich geformtes Hakenwerkzeug zum Manövrieren von Holzstämmen, welches im Flachland so gut wie unbekannt ist, gibt es noch zu kaufen. Es ist ganz erstaunlich, was mit diesem einfachen Werkzeug in Verbindung mit abfallendem Gelände und einigem Geschick geleistet werden kann.

Sappie
Zugtiere können allerdings auch in Hanglagen hineingehen, sind diese aber sehr steil, dann tritt die Gefahr auf, dass die Last das Tier überholt und es mit sich reißt. Um dem vorzubeugen, gibt es den Streifenhaken, ein Haken, der eine ganz spezielle Form hat und vom Holzrücker in das Holz eingeschlagen wird. Sobald der Stamm vorauseilen will, kehrt sich die Zugrichtung um, wodurch der Streifenhaken sich selbstständig wieder herauszieht.

Streifenhaken
Da der Streifenhaken sich sehr schnell anbringen und wieder lösen lässt, ist er auch im Flachland ein effektives und vor allem zeitsparendes Werkzeug. Von Nachteil ist, dass er das Holz beschädigen kann, wenn er zu tief an der falschen Stelle eingeschlagen wird, sofern es sich um Holz handelt, welches für Tischlerzwecke gedacht ist. Manche mögen auch nicht gerne die kleine Axt bei der Arbeit tragen, die man braucht, um die Haken ein- und auszuschlagen, obwohl dieselbe auch zum abtrennen vergessener Äste sehr nützlich sein kann.
Als kombiniertes Verfahren bezeichnet man die Zusammenarbeit von Pferden und Maschinen. Dieses arbeitsteilige Verfahren nutzt die jeweilig speziellen Stärken von Pferden und Maschinen zu einem recht effektiven Holzbringungsverfahren. Solche Arbeitsmethoden werden derzeit von der IGZ (Interessengemeinschaft Zugpferde e.V.) wieder propagiert, siehe Kölner und Wittgensteiner Verfahren.

Arbeitskameraden
Der besseren Übersicht wegen teilen wir den Weg des Holzes vom Standort im Wald bis zum Sägewerk in verschiedene Abschnitte ein, und nutzen die Gelegenheit, die entsprechenden Fachbegriffe anzubringen, die hier auf der rechten Seite stehen. So könnte vor Jahren eine Ernte von schwachem bis mittelstarkem Holz irgendwo in Deutschland ausgesehen haben, sofern eben noch Pferde als Alternative zur Seilwinde mit von der Partie waren:
Im Wald stehen viele Fichtenbäume, Nadelholzbestand
die alle etwa gleich alt sind. Altersklassenwald
Damit die Bäume sich nicht
gegenseitig das Licht wegnehmen Durchforstung
soll ein Teil gefällt werden.
Ein Forstbeamter macht einen Holz wird ausgezeichnet
Farbpunkt auf die ausgewählten
Bäume.
Die Bäume, die besonders wertvoll Z-Bäume (Zielbäume)
zu werden versprechen, werden
extra mit einem dauerhaften Zeichen
markiert und heute nicht gefällt.
Der Baum wird mit der Motorsäge Motor-manueller Hieb
gefällt.
Die Äste werden abgesägt aufgeastet
Er wird in Stücke gesägt Stammabschnitte
die 6 Meter lang sind, 6 m Abschnitte
oder nur die Spitze abgeschnitten, gezopft
wobei die Stämme fast in ihrer in voller Länge
ganzen Länge bestehen bleiben. ausgehaltenes Stammholz
Die Stammstücke werden mit einem an die Rückegasse
Pferd bis zu einem Waldweg gezogen. vorgeliefert
Beim Fällen wurde darauf geachtet, Fällordnung
dass die langen Stämme mit dem
Stammfuß in schräger Richtung dickörtig zur Gasse
zum Waldweg liegen.
Bis zum Waldweg sind es Vorlieferentfernung
etwa 30 Meter Entfernung. 30 m Rückeweg
Dort liegen schon andere Stämme, vorkonzentriert
die von einer Forstmaschine noch
etwa 100 bis 500 Meter mehrere endgerückt zum
auf einmal bis zu einem
Sammelplatz gebracht werden. Polterplatz
Die gleiche Maschine legt oder poltern
schiebt die Stämme auf einen
größeren Haufen.
Ein großer Lastwagen holt den Abtransport
Holzhaufen ab.
Auf der Basis des oben geschilderten Systems schien sich vor etwa 25 Jahren eine Renaissance der Pferdearbeit im deutschen Wald anzubahnen, daraus wurde aber dann doch nichts, denn in Skandinavien hatte man damals bereits den Vollernter entwickelt, eine Maschine, die mit langem Arm hydraulisch die Bäume in Windeseile fällt, entastet und ablängt (Prozessor).

Prozessor
Da nun die Leistung und insbesondere die Reichweite schnell gesteigert wurde, konnte man mit einem engen Gassenabstand riesige Mengen in kürzester Zeit ernten und wenn diese Gassen erst einmal im Wald sind, dann braucht man lediglich mit einem Greiferfahrzeug hinter dem Prozessor herzufahren und die Stammabschnitte aufzuladen.
Der Einsatz von Pferden zum Holzrücken wäre hier, vom verfahrenstechnischen Standpunkt, ungefähr so sinnvoll, wie die Benutzung des Morsealphabets im Internet. Im derart ruinierten Wald erübrigt sich der Pferdeeinsatz von selbst - Ernteautomat und Pferd passen schlecht zusammen.
Trotzdem kann sich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit stellen. Auf dem folgenden Bild sehen wir eine ca. 9 Tonnen schwere Maschine Stammabschnitte von einem Gewicht von etwa 100 Kilo heben, also ein Eigengewicht- zu Nutzlastverhältnis von 90 zu 1 ! Da sieht ein Pferd, welches die gleiche Last bei einem Eigengewicht von 700 Kilos zieht, mit einem Verhältnis 7 zu 1 schon wesentlich besser proportioniert aus.

Nutzlastverhältnis
Das rein handwerkliche Know-how beim Holzrücken mit Pferden ist recht einfach - darum hat sich dieses Gewerbe auch nie zu einem Lehrberuf entwickelt.

Natürlich gibt es verschiedene Geschirre und ein paar Kniffs, die man kennen sollte – aber es wäre doch eine Anmaßung, dieses mit dem Wissen z.B. eines Zimmermanns oder gar eines Tischlers zu vergleichen. Trotzdem hat die Tätigkeit einen großen Reiz und ist dafür in ganz anderer Beziehung um so anspruchsvoller: Die Kommunikation mit den Pferden ist nämlich sehr entscheidend für die Effektivität der Arbeit, womit ein Holz-Pferderücker, sofern er seine Arbeit ernsthaft und mit Liebe betreibt, zum regelrechten Tierpsychologen werden kann.


Weiterhin liegen noch viele Potentiale in diesem Beruf, wenn es zum Beispiel verstanden wird, einen pädagogischen Effekt zu nutzen, indem man gut ausgebildete Pferde jugendlichen Menschen unter Anleitung in die Hand gibt. "Zügel statt Joystik" könnte das Motto einer erfolgreichen pädagogischen Arbeit werden!

Zügel statt Joystick
Wie schon oben zitiert, ist die Technik des Holzrückens mit Pferden auch heute noch keine Hightech-Angelegenheit, sondern das einfache Rücken mit der Kettenschlinge und am Boden geschleiften Holzstamm immer noch die Grundlage. Dennoch gibt es für spezielle Fälle neu entwickelte Vorrichtungen, welche die heutigen technischen Möglichkeiten für Verbesserungen zu nutzen versuchen. Das Bestreben liegt darin, die Zugwiderstände zu verringern. Neben Schlittenkufen im Winter bietet sich natürlich das Rad an.
Um den Stamm mit Hilfe von Rädern aus dem Wald zu ziehen, gibt es zwei Haupthindernisse, die gelöst werden müssen.
1. Der Verladevorgang muss schnell gehen
2. Die Wendigkeit des Gefährtes muss hoch sein
Mit den traditionellen Pferdewagen ist hier wenig auszurichten, es gibt aber eine Neuentwicklung, die beide Vorgaben erfüllt, indem eine zweirädrige Karre mit Achsschenkellenkung, Stummeldeichsel, Kettenzug, Packzange, Ladegalgen und Gleitkufen diese wesentlichen Vorgaben in praxistauglicher Weise erfüllt und sogar noch den zusätzlichen Vorteil entfallender Anspannzeiten bietet.

"Rückewagen Forstpferd"
Dieser Rückewagen ist in Situationen, in denen relativ schweres Holz über größere Entfernung gezogen werden soll, besonders effektiv, weil dann die zusätzliche Zeit für das Beladen und Rangieren des Wagens durch den Gewinn beim Lastrücken wettgemacht wird und der geringere Zugwiderstand die Kräfte der Tiere schont (bis 50% Ersparnis). Außerdem bleibt das Holz sehr sauber, was in Kombination mit fahrbaren Sägewerken ein geschätzter Vorteil ist.

Zur Zeit rückt durch die Ölpreissituation das Brennholz wieder mehr in den Blickpunkt. Hier könnten sich neue Chancen für den Einsatz von Arbeitspferden bieten, weil damit schon bei geringem Anfangskapital beachtliche Leistungen erzielt werden können und eine gewisse Chance der Direktvermarktung besteht. Dennoch sollte man sich keine Illusionen über die Motivation dieses neuen Kundenkreises machen, denn wenn es nur darum geht, den Kosten des Ölpreises auszuweichen, dann kann man darauf gefasst sein, bald auch auf diesem Gebiet perfekten Maschinen gegenüberzustehen, die den Preis bestimmen.
Vollernter können am Tag ungefähr 10 bis 20 mal soviel Ernten wie im oben beschriebenen motormanuellen Verfahren. Es ist sinnlos, auf diesem Gebiet rein über die Massenleistung konkurrieren zu wollen.
Die Entscheidung zugunsten der Naturwesen Pferde scheint auf absehbare Zeit eine Bewusstseinsfrage bleiben zu wollen, und das ist gut so.
Dieser
Text ist im Internet abrufbar unter:
www.kooperative-pferde.de
Das Projekt „Zeitgemäßer Einsatz von Zugpferden in der Land- und Forstwirtschaft“ wurde mit Mitteln des Bundesministeriums für Verbraucherschutz im Rahmen der Bundesinitiative „Regionen aktiv - Land gestaltet Zukunft“ gefördert. Die Verantwortung für den Inhalt dieses Textes liegt beim Autor.