Ingenieurbüro Jaster
Naturtechnik
Die Folgen von kapitalintensivem Maschineneinsatz im Wald
Beim Einsatz von großen Maschinen im Wald stoßen zwei sehr verschiedene Welten aufeinander. Darauf gibt es ganz unterschiedliche Reaktionen: Während der eine von der perfekten Technik beeindruckt ist, beschleichen den anderen ungute Gefühle. Im Folgenden sei versucht, diese Disharmonie zu beleuchten, indem verschiedene Phänomene in ihrem Zusammenhang betrachtet werden, nach einer Methode, die Johann Wolfgang Goethe entwickelte und die ihn bedeutende wissenschaftliche Entdeckungen machen lies.

Vollerntemaschine
Land- und Forstwirtschaft haben in der Volkswirtschaftslehre eine besondere Stellung gegenüber anderen Erwerbszweigen. Dieses wird vom Staat sogar bei der Besteuerung berücksichtigt, indem ein spezieller, niedriger Mehrwertsteuersatz für den Bereich der Urproduktion (Landwirtschaft) angesetzt wird.
Mit Urproduktion ist hier die Produktion gemeint, an der der Mensch letztlich keinen Anteil hat, weil sie uns von der Natur in Form von Sonnenschein, Regen, Bodenfruchtbarkeit und Pflanzengesundheit geschenkt wird. So kompliziert die heutige Wirtschaft mit Ihren nationalen und internationalen Verflechtungen, Steuersätzen und Sozialabgaben auch sei, so sicher gilt dennoch folgendes:
1. Jeder Wirtschaftskreislauf beginnt mit einer Schenkung.
2. Die Natur ist unser bedeutendster Wirtschaftspartner.
In naturnah lebenden Kulturen, wie zum Beispiel bei den indianischen Kulturen oder in Zeiten der Not wird dieses selbstverständlich erlebt. Respekt und Dankbarkeit gegenüber der Natur sind dann im täglichen Bewusstsein verankert und führen zu entsprechenden Verhaltensweisen. Im modernen Leben jedoch bedarf es einer besonderen Anstrengung des Bewusstseins um sich dieser grundlegenden Tatsachen zu erinnern.
Der seltsame Kontrast von großem Reichtum bei gleichzeitig gelähmtem Wirtschaftsleben, den wir heute erleben, verleitet viele dazu, sich den ohnehin herrschenden wirtschaftlichen Zwängen, auch noch gedanklich unterzuordnen nach dem Motto: "Das Hobby Naturschutz können wir uns erst wieder leisten, wenn die Wirtschaft läuft und die müssen wir wieder wettbewerbsfähig machen".
Im Lichte der oben erklärten Naturgrundlage von Wirtschaft ist dies natürlich ungefähr so klug, als wenn einer sagen wollte: "Ich brauche Geld, also lass mich erst die Bank ausrauben, mit dem Geld kann ich dann als redlicher Mensch leben."
Eine der zur Zeit am meisten verbreiteten Lieblingsvorstellungen ist die, dass das Konkurrenzprinzip in jedem Bereich anwendbar ist. Dies Prinzip ist von solch zwingender Logik, dass viele es selbst in der Natur zu erkennen glauben und in der Volkswirtschaft zum Dogma erheben. Doch schon häufig mussten lieb gewordene Vorstellungen über Bord geworfen werden – auch in der Wirtschaftspolitik!
Es gab eine Zeit, da wurde die Währung eines Landes durch den Besitz von Goldreserven gedeckt. Der Glaube an diese Goldbarren war so stark, dass man sich lange nicht vorstellen konnte ohne Sie auszukommen, bis man erkannte, dass die eigentliche Deckung einer Währung vielmehr mit dem Vertrauen in die dynamische Produktivität des entsprechenden Wirtschaftsraumes zu tun hat, als mit der Existenz von gebunkerten Goldbarren.
In diesem Sinne ist vielleicht auch der Tag nicht fern, an dem man den Wert einer Währung an dem Grade der Intaktheit der Natur in diesem Wirtschaftsraum messen wird.
Unter dem Gesichtspunkt der Wirtschaftsentwicklung im Zusammenhang mit Leitmotiven ist es übrigens recht interessant, sich Motive auf Münzen anzuschauen. Die mit dem wirtschaftlichen Aufschwung verbundene DM, zeigte auf kleineren Münzen Eichenblätter, Kornähren oder einen Baumsetzling und damit die Wertschätzung, die die Menschen aus den Erfahrungen der Nachkriegszeit diesen Dingen entgegenbrachten.
Die Euro-Münzen mit ihren Darstellungen repräsentativer Bauten und zerstückelter Europa-Landkarten (Nicht-Mitgliedstaaten sind ausgespart) deuten eher auf den Leitgedanken der großen Marktwirtschaft mit seinen wirtschaftlichen Fusionen hin. Es heißt, je größer der Markt und die Konkurrenz, desto besser und billiger die Produkte. In Anerkennung dieser für die Industrie gültigen Gesetzmäßigkeit stellt sich dennoch die Frage, ob das für alle Lebensbereiche gilt.
Gerade die aktuellen Nachrichten (Fleischskandale) deuten nämlich auf dem Sektor der Naturprodukte, auf eine ganz andere Tendenz: Billiger und schlechter. Im Bereich der Naturwirtschaft versagt offensichtlich das Konkurrenzprinzip. Am allerdeutlichsten tut es das im Hinblick auf die Qualität. Während in der Industrie gerade die Spezialisierung einzelner Betriebe eine große Perfektion des zusammengesetzten Endproduktes mit sich bringt, ist es in der Naturwirtschaft genau das Gegenteil. Sehr große, spezialisierte Betriebe produzieren in der Regel vom Standpunkt der Lebensqualitäten schlechteres als kleine diversifizierte. Es treten bei Ihnen negative Nebeneffekte auf, die im kleinen Betrieb normalerweise unbekannt sind. Zum Beispiel: In einem Betrieb mit 300.000 Hühnern ist der massenhaft anfallende Hühnerkot ein lästiges Abfallprodukt - in einem kleinen bäuerlichen Betrieb dagegen einer der kostbarsten Dünger.
Das Produkt der Naturwirtschaft – ob Holz oder Fleisch – wird eben nicht zusammengesetzt wie ein Industrieprodukt, sondern entsteht als etwas Ganzes. Eine gesunde Naturproduktion muss deshalb von vornherein auch den ganzen Naturzusammenhang im Auge behalten. Lebendige Naturzusammenhänge zu fördern und mitzugestalten ist eine sehr anspruchsvolle Tätigkeit mit sehr vielen individuellen Variationsmöglichkeiten. Eine der Gesetzmäßigkeiten die uns hier begegnet ist die höhere Stabilität durch Artenvielfalt, weil die verschiedenen Pflanzen und Tiere sich gegenseitig beeinflussen und zwar meistens positiv!
Der Instinkt der Menschen weiß dieses und daher kommt die gegenwärtig zu beobachtende Tendenz, beim qualitätsbewußten Einkauf: Autos kaufe ich international - Lebensmittel lieber regional.
Der Einsatz von großen Maschinen in der Naturwirtschaft verführt dazu, die Natur damit beherrschen zu wollen statt sie zu pflegen. Dieses ist allein schon psychologisch bedingt. Kapitalintensive Großmaschinen üben andererseits auf den Besitzer den Rendite-Zwang aus. Um die Investition zu rechtfertigen wird schnell auch die eigene Gesundheit hintenan gestellt, ganz zu schweigen von der Gesundheit des Waldes oder Feldes. Der Bauer muss sogar sein gesundes Empfinden unterdrücken, damit er mit schwerstem Gerät auf dem empfindlichen Ackerboden fahren kann.
Der Einsatz großer Maschinen führt dazu, daß gerade dort, wo es am wichtigsten wäre – nämlich beim direkten Einwirken auf die Natur – arbeitende Menschen sich für feinere Wahrnehmungen notgedrungen abstumpfen müssen.
Diese subtile Qualitätsverschlechterung der Arbeit in der Natur durch Maschinen lässt sich freilich schwer in Zahlen fassen, am ehesten wohl noch in ihrer Rückwirkung auf die Gesundheit der Tätigen. Dickleibigkeit, Bandscheibenvorfälle, Schwerhörigkeit und manch anderes sind zu erwartende Folgen.

Zertifizierung von Holz
Wer sich von gesetzgebenden Maßnahmen eine bessere Zukunft verspricht, sollte bedenken, dass diese von ihrer Natur aus den Tatsachen mit großer Trägheit hinterher eilen. Außerdem ist die Gesetzgebung dem Einfluss von Wirtschaftslobbys ausgesetzt. Selbst eine so gut gemeinte Initiative, wie das aktuelle Zertifizierungs-System "PEFC" – eigentlich als Naturschutzrichtlinie gedacht und auch als solche vermarktet – beugte sich der Macht der Lobbys. Denn obwohl neben anderen positiven Begriffen, wie "Artenschutz", "Biotopschutz", usw., auf dem Deckblatt der Richtlinie, auch die Worte "Kein Befahren" stehen, kann man nach diesen Richtlinien getrost die größten und schwersten Maschinen einsetzen, die auf dem Markt zu kriegen sind.
Wie das?
Trick 17!
Das Ganze beruht auf einem einfachen Trick: Da das Befahren von Waldboden mit schweren Maschinen angeblich vermieden werden soll, richtet man eine "Feinerschließung" von parallelen Schneisen im 20 Meter Abstand ein. Diese Schneisen werden zu Waldwegen erklärt; Wald, den man nicht befahren darf, ist nur noch das, was dazwischen liegt. Eine einfache Rechnung ergibt allerdings, dass hierdurch mit einem Federstrich mindestens 15 % (in der Praxis mehr) des Waldes offiziell und leider auch real abgeschafft wird.
Wie sieht er aus, dieser "Restwald" oder "Automatenwald", wie man ihn mit einiger Berechtigung nennen könnte? Vergleichen wir ihn mit dem Wald in dem noch Forstarbeiter zu Fuß gehen und Arbeitspferde eingesetzt werden, dann sind viele Konsequenzen schon heute sichtbar:

Holzgasse
Gassenstruktur
Wuchsflächenverlust
Erhöhung der Windangriffsfläche
Veränderungen im Mikroklima
höhere direkte Rückeschäden
Zunahme von minderwertigem Holz aufgrund des erhöhten seitlichen Lichteinfalles
Bodenverdichtungen in großer Tiefe mit Wachstumsstörungen
Minderwertige Holzernte durch Zwang zu ganzjähriger Ernte
Zerstörung von Waldwegen
erhöhtes Risiko von Öl-Unfällen
Höherer Treibstoffverbrauch
Bevorzugung von Altersklassenwald
tendenzielle Erhöhung der Holzentnahmen pro Erntehieb um Kosten zu amortisieren
Verringerung des Erhohlungswertes für den Menschen aufgrund von ästhetischen Mängeln
Verlust von Brauchtum
Verlust von Arbeitsplätzen
Beförderung der Landflucht
Bedrohung der Kaltblutpferdezucht
mehr Unzufriedenheit bei der arbeitenden Bevölkerung

Gequälter Waldboden

Gequältes Holz
Alle diese Effekte können im Ernst nicht erwünscht sein, wenn sie auch von den Menschen, die sich wirtschaftlich davon abhängig fühlen, je nach persönlicher Einstellung entweder fatalistisch hingenommen oder aber bestritten, anders interpretiert oder verharmlost werden. Das ist gut nachvollziehbar, es kann auch nicht darum gehen, von anderen Menschen die Aufgabe ihrer Existenz zu verlangen.
Eine positive Kraft wird nicht daraus entstehen, sich mehr als notwendig in verurteilender Weise mit den negativen Folgen bestimmter Entwicklungen zu beschäftigen, sondern aus der Freude bei der Begegnung mit der Natur. Hier gilt es konkrete, passende Lösungen zu finden.
Quellen :
Dr. N. Remer, Substanzen
im Lebenszusammenhang (Amelinghausen1996)
Udo Hermannstorfer, Zur Sozialorganischen Bewältigung des Geldwesens
Johann Peter Eckermann, Gespräche mit Goethe
PEFC – Richtlinien 2006
Dieser
Text ist im Internet abrufbar unter:
www.kooperative-pferde.de
Das Projekt „Zeitgemäßer Einsatz von Zugpferden in der Land- und Forstwirtschaft“ wurde mit Mitteln des Bundesministeriums für Verbraucherschutz im Rahmen der Bundesinitiative „Regionen aktiv - Land gestaltet Zukunft“ gefördert. Die Verantwortung für den Inhalt dieses Textes liegt beim Autor.