Der folgende Artikel ist im Rundbrief Nr. 99 des Ökodorf Sieben Linden erschienen.

» Den Artikel kann man auch hier im PDF-Format herunterladen. «

George W. Bush und der Landeplatz der Liebe

Oder: Lieber mit dem Pferdekarren durch die Altmark als mit Vollgas in den Abgrund

Von Silke Hagmaier

Inhalt

  1. Einleitung
  2. Einsatz von Zugpferden - Anachronie? Hobby? Utopie?
  3. Folgen der industrialisierten Landwirtschaft
  4. Biologische Landwirtschaft
  5. Umstellung der Landwirtschaft?
  6. Wirtschaftlichkeit
  7. "Die gute Nachricht"
  8. Fuhrhalterei Frühwach
  9. Der Landeplatz der Liebe
  10. Fazit


1. Einleitung

Wenn es nach Georg W. Bush ginge, hätte noch keineR gemerkt, was keineR merken will:

Das Öl ist bald alle.

Laut Weltenergiebehörde in Paris gibt es in 50 Jahren kein Land mehr auf der Erde, das noch rentabel Rohöl fördern kann

Ersatz ist NICHT in Sicht.

(s. dazu auch "Selbstversorgung mit Treibstoffen" in diesem Heft)

Der "american way of life", der in Anteilen durchaus auch außerhalb Amerikas anzutreffen ist (z.B. im Ökodorf), hängt am Erdöl-Tropf wie ein Süchtiger an der Kanüle. Die aus der Abhängigkeit resultierende Gewaltbereitschaft, wenn es darum geht, den "Stoff" zu besorgen und die Unfähigkeit, vorausschauend und nüchtern zu handeln sind nur zwei der seltsamen Parallelen zwischen Bush und dem Junkie: der Horizont unserer ölbesessenen Gesellschaft reicht kaum weiter als bis zum nächsten "Schuss". Kann schon sein, dass das Erdöl uns noch weitere 10 Jahre Wohlstand auf diesem sog. hohen Standard ermöglichen. Aber viel mehr als 10 Jahre werden es nicht sein, die Erdölpreise sind in den letzten drei Jahren um jeweils 10 % gestiegen und dank der ganzen "Peak-Oil" Diskussion ist nun klar, dass das nur der Anfang ist; und so merken also doch alle, was sie immer noch nicht glauben wollen.

Und was machen die Ökos daraus? Traktor und Auto werden auf Pflanzenöl umgebaut, damit das gute Gewissen wieder auf dem Beifahrersitz Platz nehmen darf und die Wirtschaft geht weiter wie gehabt. Dass Ölpflanzen allein dadurch in wenigen Jahren zum Regenwaldkiller Nr.1 geworden sind, wird wegdiskutiert. Dass die in Deutschland zur Verfügung stehenden Flächen für Biomasseerzeugung gerade ausreichen würden, um die Landwirtschaft mit Energie zu versorgen, wird ignoriert. Im Ökodorf verbrauchen wir alleine zum Beheizen unseres Wohnraumes schon das 6-fache der Waldfläche, die uns pro Kopf rechnerisch zur Verfügung steht. Dann haben wir noch kein Holzhaus oder Holzmöbel gebaut und noch kein Papier bedruckt oder ins Klo geschmissen.

Mein Fazit: Wir verbrauchen nicht nur zuviel vom Falschen (z.B. Erdöl, das hinter jedem käuflich erworbenen Produkt steht), sondern zuviel von allem, ganz egal woher die Energie / Ressource kommt.



2. Einsatz von Zugpferden - Anachronie? Hobby? Utopie?

9400 von 9500 Jahren haben die Muskelkraft von Menschen und (Zug-) Tieren und in seltenen Fällen mal ein Wasser-/ oder Windrad die (Land-) Wirtschaft in Gang gehalten. Aus der Gesellschaft vor 150 Jahren das Zugtier wegzudenken wäre ungefähr vergleichbar mit Berlin beim Stromausfall - Stillstand auf allen Ebenen. Anfang letzten Jahrhunderts hat dann die bis heute bejubelte und nicht in Frage gestellte Einführung der Verbrennungsmotoren zunächst im Verkehr die Zugtiere ersetzt. Bis allerdings die Landwirte das Pferd gegen den Traktor eingetauscht haben, hat die Industrie weitere 50 Jahre harte Überzeugungsarbeit leisten müssen. Warum? Weil bei den damaligen gesunden Betriebsgrößen der Traktor einfach nicht eindeutig wirtschaftlich war (woran sich bis heute nichts geändert hat). Der zweite Weltkrieg hat auch ein bisschen mitgeholfen, indem er 6 Millionen Pferde in den Pferdehimmel geschickt hat: Wenig Männer, wenig Pferde, her mit dem Traktor! Bis dahin war die Landwirtschaft ein energieeffizientes, nachhaltiges System, das kaum auf die Zufuhr überregionaler bzw. fossiler Ressourcen angewiesen war. Was 1950 ganz harmlos mit 25 PS pro ha anfing, sind heute über 500 geworden.

Und was genau wird denn da bejubelt? Ich möchte die versäumte Infragestellung hier nachholen.

Meine These ist: Die zur Arbeitskostenreduzierung eingeführten Land- und Forstmaschinen erfüllen diese Aufgabe nicht (mehr). Noch dazu hinterlassen sie Schäden in Boden, Wasser, Luft und Seele, deren Ausmaß nicht verantwortet wird von den Verursachern.



3. Folgen der industrialisierten Landwirtschaft

"Ja und wie schaut's denn aus bei uns heute?"
"Herr Doktor, es tut so weh!"

Was haben der Traktor auf dem Acker und der "Harvester" im Wald uns gebracht?

ENERGIE

  • Heute ist die Landwirtschaft nach dem Straßenverkehr der größte Dieselverbraucher in Deutschland.
  • Die Landwirtschaft hat ihren Ertrag zwischen 1920 bis 1990 um 50 % gesteigert. Der Preis dafür ist eine Steigerung des Energieverbrauchs um 400%.
  • Die traktorgestützte Landwirtschaft deckt nur 9% dieses Energiebedarfes aus lokalen und erneuerbaren Energiequellen, nämlich den vor Ort gezeugten Fahrer und Mechaniker.
  • Das führt zu unsinnigen Energie-Input-Output Bilanzen. Die moderne Landwirtschaft wendet 100 kcal auf um 1 Nahrungskalorie zu erzeugen. Dafür braucht sie 220 l Diesel pro Hektar und Jahr.
  • mehr als 300 Traktor-PS sind heute im Einsatz, um 100 ha. Land zu bewirtschaften mit kaum 10 Arbeitskräften (3-4 PS/ha). Das gleiche schaffen 10 bis 15 Pferde (0,2 PS/ha) mit 10-30 Arbeitskräften. Dieser hohe Bedarf ist mit regenerativen Energien nicht zu decken (s. Artikel von Martin).

Abbildung 1 - "Harvester"

BODEN:

Wenige Zentimeter Oberboden ernähren und versorgen uns. Was wir davon nicht bereits versiegeln mit Gebäuden und Straßen, wird größtenteils land- und forstwirtschaftlich bearbeitet. Was heißt das?

Tonnenschwere Geräte: ein Zugpferd wiegt 500 bis 1000 kg, ein moderner Schlepper wiegt das 5- bis 20-fache, und benötigt dieses Gewicht vor allem dafür, die immer schwerere Technik sowie sich selbst zu heben und zu bewegen; der kleinste Teil der PS wird für die Zugleistung benötigt. Ein Harvester (Vollernter für Holz) wiegt bisweilen 45.000 kg, ein Rückepferd wiegt immer noch nur 500 bis 1000 kg. Das von beiden bewegte Stück Holz bleibt das gleiche. Das Rückepferde hat mit Faktor 1 : 5 bis 10 ein hocheffizientes Verhältnis von Eigengewicht zu Nutzlast, der Harvester ist, mehr noch als ein Traktor, an Ineffizienz kaum zu überbieten mit einem Faktor von 1 : 100 und aufwärts. Dadurch bedingt:

  • flächendeckende Bodenverdichtung, dadurch ein Rückgang der biologischen Aktivität im Boden: die "Grobporen" im Boden verschwinden, die für die Bodenlebewesen, den Gasaustausch und damit die Pflanzenwurzeln essentiell sind
  • flächendeckende Bodenverdichtung, daraus resultierend verringerte Wasseraufnahmefähigkeit und erhöhtes Risiko für Überschwemmungen
  • flächendeckende Bodenverdichtung, dadurch verstärkt Erosion (die fruchtbare Erde fliegt und fließt weg)
  • flächendeckende Bodenverdichtung, dadurch Nährstoffauswaschung (durch humusabbauende Prozesse im Boden) bis hin zur Grundwassergefährdung. Mangelernährung bei Mensch und Tier sind nur eine Folge.
Fazit aus Studien, Dissertationen, Untersuchungen in Theorie und Praxis aus den letzten Jahrzehnten: Es gibt keine bodenverträgliche Befahrung mit den in der forst- und landwirtschaftlichen Praxis üblichen Fahrzeugen. Dass damit sogar gegen das Bundes-Boden-Schutzgesetz verstoßen wird, findet keine Beachtung. Die Schäden am Boden durch Bodenverdichtung und Erosion haben vielerorts die lebendigen Überlebensressourcen der Bevölkerung auf viele Generationen hin zerstört. Der Teufelskreis: Immer mehr Verdichtung erfordert immer tiefere und intensivere Bearbeitung und damit immer mehr Zerstörung.

WIRTSCHAFTLICHKEIT:

  • die Einrichtung eines Arbeitsplatzes in der Land- oder Forstwirtschaft kostet 250 bis 500 Tausend Euro. Demgegenüber stehen sinkende Erzeugerpreise in beiden Bereichen und trotz aller Subventionen auch sinkende Rendite. Der finanzielle Druck aus dieser absurden Situation führt zu ökologischem Raubbau und dem bekannten massiven Höfesterben (5.000 pro Jahr in D.)
  • Eine mit modernster Pferdetechnik ausgestattete Arbeitsstunde kostet beim Pferd zwischen 30 und 90 Euro; die günstigste Maschinenarbeitsstunde in Forst- und Landwirtschaft fängt bei 90 Euro an und geht in die hunderte.

EMISSIONEN:

Stickoxide, Kohlenwasserstoffe, Kohlenmonoxide, Kohlendioxid werden lärmend ausgestoßen; statt Pferdemist (ein wunderbarer Wirtschaftsdünger), Vogelgezwitscher und einer weichen Pferdenase, die freundlich aber resolut die Taschen auf Brotreste überprüft....

QUALITÄT:

  • das einst kleinteilige Landschaftsbild, reich an ökologischen und seelischen Nischen, ist einer ausgeräumten Agro-Industrielandschaft gewichen und wo einst Wald war stehen "Holz-Äcker", denn riesige Maschinen brauchen riesige Monokulturen
  • die konkrete Arbeit in der Land- und Forstwirtschaft ist geprägt von Bürokratie, Umgang mit Technik und Maschinen. Den Bauer und Förster, der eingebettet in ein vielfältiges, gesundes Biotop unsere (Boden-)Schätze hütet, gibt es nicht mehr, auch wenn er dem Verbraucher zu Werbezwecken noch vorgegaukelt wird. Die Sorge um den Erhalt der Produktionsmittel (die fruchtbaren paar Zentimeter Humus die unser Überleben sichern) ist der Sorge um den finanziellen Ertrag gewichen.
  • der moderne Arbeitsplatz in Land- und Forstwirtschaft ist einseitig körperlich belastend (z.B. Traktoristen mit Rücken- und Lungenschäden) und geprägt von Lärm-, Staub- und Giftemissionen. War die Arbeit früher wirklich "härter", oder ist das Einsparen von Muskelkraft vielleicht nicht der einzige Maßstab zur Ermittlung von Arbeitsplatzqualität?
  • Urteilen Sie selbst! Welche Möhre schmeckt besser: mit Gift oder ohne Gift? mit Dieselabgasen oder ohne Dieselabgase?


4. Biologische Landwirtschaft

Und der Biobauer?
Die Energiebilanz beim Traktor basierten Biobetrieb ist natürlich besser als beim konventionellen Nachbarn, weil er auf den Einsatz von Kunstdüngern und Pflanzenschutzmitteln verzichtet, die energieintensiv hergestellt werden. Aber: der durchschnittliche deutsche Biobetrieb ist größer (nein, das ist kein Druckfehler) als der konventionelle! Der Biobauer befährt seinen Acker in ähnlicher Frequenz, verbraucht dabei die ähnliche Menge Treibstoff und erzeugt dabei die ähnliche Bodenverdichtung.

"Ja, wo genau tut's denn weh?"
"Ja, irgendwie ÜBERALL"

All diese Belastungen sind bekannt und werden in Fachkreisen durchaus als problematisch gesehen. Gleichwohl gelten sie als unvermeidbar, weil der Einsatz von Zugtieren als rückständig betrachtet wird. Die Technikgläubigkeit unserer Gesellschaft hat den Blick auf das Zugpferd derart geprägt, dass den Menschen beim bloßen Hinschauen zwar das nostalgische Herz auf geht, aber gleichzeitig unvorstellbar ist, dass man mit diesen Methoden allen Ernstes wirtschaftlich arbeiten kann. Was zählt ist einzig Arbeitsbreite und Flächenleistung, bei denen das Pferd neben den Monstermaschinen bei manchen Arbeiten fast lächerlich wirkt. Ein Harvester erntet 10 bis 20 mal so viel wie ein Holzrücketeam bestehend aus Pferd, Mensch und "Forwarder" (= auf Wege beschränkter Einsatz von schweren Maschinen). Aber Zeit ist eben doch nicht alles.

5. Umstellung der Landwirtschaft?

"Und was kann ich da für sie tun?"


TUN? In der Landwirtschaft würde die Umstellung von Traktoren auf pferdegezogene Technik mit Hilfsmotoren bereits 85% Primärenergie einsparen. (Hilfsmotoren sind dazu da, an bestimmten effizienzsteigernden Bereichen den Pferden die Arbeit zu erleichtern, moderne Vorgaben zu erfüllen (z.B. dass die Geräte hydraulisch aus dem Boden gehoben werden statt mit Muskelkraft), und sinnvolle Arbeitsgänge zu erschließen, die mit tierischer Zugkraft alleine kaum realisierbar sind, wie z.B. der Betrieb von Ballenpressen). Weitere Auswirkungen des Einsatzes von Zugtieren:
  • Energieeffizienz: das Pferd ist ein Direktverwerter von Biomasse. Allein der Dung, den es als Nebenprodukt großzügig verschenkt, gibt dem Betrieb ein Drittel der verfütterten Energie als Wirtschaftsdünger zurück
  • Flächenverbrauch: Alternativen zum Diesel sind Rapsöl (für Trakoren) oder Zugtiere: Pferde brauchen etwa 1/10 der bewirtschafteten Fläche als Futter, für Rapserzeugung entfallen ¼ der bew. Fläche für den Biodiesel
  • die entstehenden Bodendrücke durch den Pferdehuf sind ökologisch tragbar, weil sie so kleinflächig sind, dass sie sofort regeneriert werden. In den nicht regenerierbaren, tieferen Schichten entsteht erst gar keine Verdichtung.
  • Auf pferdebewirtschafteten Flächen sind Bodenregeneration und damit Ertragszunahmen dokumentiert und zu erwarten
  • im Grünland überleben die Amphibienbestände und Insekten die Heuernte mit Pferd, während der Traktor vor allem Leichen hinterlässt
  • Pferdetechnik herzustellen und zu warten ist ein regionales Geschäft und verbraucht weniger Ressourcen (Metall, Transport, Diesel etc.)
  • das Pferd ist im Betrieb sozusagen "schadstofffrei". Die "Emissionen" bei der Pferdearbeit sind meist erfreulich: Pferde gehen ans Herz, Traktoren gehen auf die Nerven
(Nicht erstaunliches) Fazit: das Pferd ist im ökologischen Vergleich in allen Bereichen den schweren Maschinen weit überlegen.

Abbildung 2 - Holz rücken mit Pferden


6. Wirtschaftlichkeit

Um einen Hektar Wiese von Hand zu Sensen und Heu zu gewinnen, musste ein Bauer um 1900 das Äquivalent von 25 kg Weizen in Arbeitsgeräte investieren und 100 Stunden arbeiten. Der gleiche Arbeitsgang mit Pferd und Pferdetechnik brauchte 1930 bereits Investitionen in Höhe von 12.000 kg Weizen bei nur noch 14 Stunden Arbeit. Der gleiche Arbeitsgang heute erfordert an Investitionen einen Gegenwert von 500.000 kg Weizen bei 3 Arbeitsstunden.

Eines haben alle Landwirte gemeinsam, egal ob bio- oder unlogisch: Es ist derzeit in Deutschland nahezu unmöglich, Landwirtschaft rentabel zu betreiben. Alle Register werden gezogen, um zu überleben: Betriebskapital wird eingeschmolzen (Gebäude, Land), nötige Investitionen werden verschoben bis zur Pleite, Verschuldung, Selbstausbeutung, Billiglohnarbeiter; Direktvermarktung billiger Importe bis hin zur Hinzu-nahme von Betriebszweigen mit besserer Rentabilität wie Tourismus, Sozialtherapie, Abokistenma-nagment oder Seminaren - all das verhindert nicht, was nicht zu verhindern ist: das Ende einer (größen-) wahnsinnigen Ineffizienz. Zu dumm nur, dass das Heil immer noch am falschen Ende der Skala gesucht wird.

Der hohe Energieverbrauch ist ökonomisch nur tragbar, solange Energie fast nichts kostet und die Folge(kosten) durch Klimaerwärmung auf nachfolgende Generationen abgewälzt werden.

Im wirtschaftlichen Vergleich schneiden selbst bei den heutigen Energiepreisen kleine Betriebe unter 50 ha bereits besser ab, wenn sie auf Pferde setzen. Die Amish sind z.B. die einzigen nordamerikanischen Kleinbauern, die an Anzahl und bewirtschafteter Fläche kontinuierlich wachsen (ein Betrieb umfasst max. 60 ha, dann wird er wieder geteilt), während alle drum herum um ihr Überleben kämpfen, je kleiner desto heftiger. Die Amish setzen eine Kombination aus Zugpferden und Aufbaumotoren ein, wodurch sie den Primärenergiebedarf im Vergleich zur traktorbetriebenen Landwirtschaft um 80-90% gesenkt haben. ES GEHT!

Spätestens wenn Arbeitskraft verfügbarer ist als Energie, und an dieser Schwelle steht unsere Gesellschaft genau jetzt, ist das Comeback der Zugtiere eingeläutet.

Und wo sollen die Pferde herkommen und die Weiden und das Futter?

Es ist alles schon da! Wir haben heute etwa den gleichen Pferdebestand wie vor hundert Jahren, als nahezu alle Flächen noch mit Zugtieren bewirtschaftet wurden. Nur das Verhältnis von Hobby-Pferden zu Arbeitspferden ist in etwa umgekehrt zu damals; nämlich 99% zu 1%.


Abbildung 3 - Holztransport mit Pferden


7. "Die gute Nachricht"

Nachdem in den 60er Jahren die Zugpferde aus der Landwirtschaft völlig verschwunden waren gibt es mittlerweile in Deutschland etwa 150 Betriebe im Land- und Gartenbau (ich habe keine Zahlen für den Forst), die auf Zugpferde setzen.

Wenn doch so viel dafür spricht, warum "satteln" denn dann so wenige um aufs Zugpferd?

Abgesehen davon, dass auch viele Rauchen, wo doch so viel fürs Nichtrauchen spricht, ist dieser Schritt heute noch den entschlossenen Idealisten vorbehalten. In der landwirtschaftlichen Ausbildung taucht das Zugtier nicht auf, selbst die Agenda 21 verfolgt eine Industrialisierung der Landwirtschaft (und das obwohl heute noch fast die Hälfte der landwirtschaftlichen Flächen weltweit mit Zugtieren bearbeitet werden). Das Know-how für den Einsatz von Zugpferden ist bei uns fast völlig verschwunden. Das bezieht sich auf Ausbildung und Umgang der Pferde genauso wie auf Herstellung, Wartung und Einsatz von Pferdetechnik. "Durchgehende" Pferde und Geräte ohne Betriebsanleitung oder Ersatzteile sind nunmal nicht die Zutaten zu einem entspannten bäuerlichen Dasein. Zugpferdetechnik wird kaum (noch) produziert, d.h. wir müssen bei einigen Geräten auf Vorkriegsproduktion oder teure Importe (z.B. von den Amish in USA) zurückgreifen. Und welcher Bauer will schon darauf angewiesen sein, die Technik, von der seine Existenz abhängt, bundesweit in der "Verschiedenes"-Spalte annoncieren zu müssen? Die dann mit Glück und Aufwand erstandenen Objekte, bei denen nicht selten der Transport das Teuerste wird, ist und wird verschlissen. Wer dann mit Metall nicht umgehen kann um sich bei Reparaturen selbst zu helfen ist arm dran (wo ich das schreibe durchweht mich eine ordentliche Portion Selbstmitleid....)



8. Fuhrhalterei Frühwach

"Aber Herr Doktor, so tun sie doch was! Irgendwas!"

TUN: Im Ökodorf Sieben Linden gibt es seit 1 ½ Jahren die Fuhrhalterei Frühwach, aus zukunftsorientierten Beweggründen (s.o.) von mir als ordentliches Gewerbe angemeldet. Die beiden Haflinger Odin und Freya (beheimatet im germanischen Götterhimmel gleich neben der Mitte der Welt) haben mit mir gelernt zu pflügen, eggen, striegeln, (Saat) walzen, hacken, dippeln, häufeln, (Kartoffeln) roden, (Gras) mähen, (Gras) wenden, (Holz) rücken, (Holz u. Baustoffe) fahren, (Menschen) kutschieren, Schlitten fahren und ausführlich mit Menschen "reden". Was wir noch lernen wollen ist drillen, Kalk streuen, Mist- und Kompoststreuen, Getreide mähbinden (zu Garben), Wurzelgemüse roden und: noch besser kommunizieren und noch mehr Spaß haben. Der Nachwuchs Mani hat das alles noch vor sich und pflegt derweil fressenderweise die Wiesen und bespaßt seine Pferdefamilie und alle anderen, die ihn besuchen. Die drei haben mich so gut trainiert, dass ich mittlerweile (mit vielen Jahren Vorlauf) genug gesunden Pferdeverstand entwickelt habe, dass ich andere Pferdeinteressiete deutschlandweit mit Seminaren über "pferdisch" unterstützen kann. Über diesen eigentlich tieferen Teil des Pferdeprojektes, nämlich die Gestaltung kooperativer Beziehung und Kommunikation zwischen Pferd und Mensch möchte ich gerne an anderer Stelle mal einen gesonderten Artikel schreiben. Ich höre das Redakionsteam förmlich aufatmen...


Abbildung 4 - Odin und Freya beim Pflügen

Das sind ja schöne Aussichten! Ob mein Betrieb langfristig überleben wird, ist noch nicht klar. Im Moment bin ich im zweiten Ich-AG-Jahr (also noch geringfügig bezuschusst). Zudem hat mir ein Fördermittelzuschuss von "Regionen Aktiv" letzten Herbst unter die Arme gegriffen (danke JüLo!). Rein materiell betrachtet hängt mein langfristiges finanzielles Überleben davon ab, ob das Ökodorf dabei bleibt, den Pferdeeinsatz weiterhin mit einem Stundenlohn zu honorieren (VIELEN VIELEN DANK dafür, an dieser Stelle), ob sich die Einsatzmöglichkeiten der Pferde im Dorf eher ausbreiten oder eher reduzieren und ob die vielen HelferInnen mir weiterhin helfen (hier einen besonderen Dank an Milan, den langjährigen Retter meines Privatlebens!) Auch die Anzahl der Seminare, die ich gebe, müsste noch steigen. Ich bin optimistisch. Die Hürden, die hinter mir liegen (großer baulicher Aufwand, Gründungsinvestitionen, Ausbildung von mir und den Pferden, Einführung einer Bezahlung der Pferdearbeit im Ökodorf) empfinde ich als deutlich größer, als die, die vor mir liegen.



9. Der Landeplatz der Liebe

Mai 06: Odin, Freya und ich "ackern" auf einer neu angepachteten Brache neben dem Ökodorf. Wir pflügen, eggen und walzen einen Kreis, damit sich die Brache dort in eine Blumenwiese verwandeln darf. Damit sind wir (stolzer) Teil eines Landschaftskunstwerkes; Regieführender Künstler: Cosmo; Ziel: einen "Landeplatz für die Liebe" zu gestalten! Und: "bei aller Liebe" - wir haben selten so geschuftet. Warum? Weil der Boden so verdichtet ist, dass ein Pferdepflug kaum noch in ihn eindringen, geschweige denn ihn sauber wenden kann. Gleich neben uns pflügt munter der Traktor, dem wir diese Misere zu verdanken haben, in rasendem Tempo einen Acker, dessen Ausmasse der Horizont verbirgt. Wann ist es soweit, dass die vorbeiziehenden Passanten nicht mehr mich für verrückt erklären, bemitleiden oder belächeln, sondern den Traktoristen? Bei George W. Bush erhoffe ich mir keinen Sinneswandel mehr. Aber er hat ja auch meinen Artikel nicht gelesen....



10. Fazit

Dieser Artikel endet hier, weil mir die Rundbriefredakion auch so schon aufs Dach steigen wird. Nicht etwa, weil das Thema erschöpfend dargestellt ist. Dargestellt habe ich einen winzigen Ausschnitt, hinter allen Argumenten steht seitenweise Literatur: Viele materielle und alle immateriellen Gründe für eine (R)Evolution mit Zugpferd bleiben gänzlich unerwähnt. (Alle verwendeten Zahlen sind Orientierungen, gemittelt aus verschiedenen Quellen und schwanken in der Realität sowieso wegen lokaler, klimatischer, sozialer u.a. Verschiedenheiten.)

Und selbst wenn nichts davon wahr wäre:
Der Traktor ist für mich bestenfalls eine temporäre Arbeitserleichterung. Die Arbeit mit Odin, Freya und Mani und all den Seminarpferden ist meine Meditation, mein spiritueller Weg, mein Disziplin-Generator, mein Urlaub im Alltag, mein Urlaub vom Ich, meine Arbeit am Ich, meine Hier-und-Jetzt-Schule und mein Fitnesscenter. Danke, Universum, für diesen privilegierten Beruf!

Geldspenden für die Anschaffung und Weiterentwicklung von Pferdetechnik in der Fuhrhalterei Frühwach sind sehr erwünscht! Wende dich vertrauensvoll an Silke.

www.kooperative-pferde.de


Abbildung 5 - Haflinger Freya mit Silke